Willibrordus, S.

Willibrordus, S.

S. Willibrordus, Ep. Conf. (7. Nov. al. 3., 19. Oct.). Der Name dieses gefeierten heiligen Bischofes wird auch Vilbrod, Willigbrodus (bei Molanus) Wilbrod und Willebrord geschrieben, und bedeutet »willig Brod«, d. i. eine stets dem Herrn bereitwillige Opfergabe, oder besser der Etymologie entsprechend gratum telum, grata cuspis, d. i. »angenehmer Wurfspieß«. »treffliche Spitze«, wohl auch so viel als »Gutmund«, d. i. beredt, lateinisch gratus labiis. weßhalb er gewöhnlich den Beinamen Clemens, d. i. der Milde, führt. Sein Ehrentitel heißt »Apostel der Niederlande« (sogar Borealium gentium Apostolus, am öftesten Fresonum) und bezeichnet am besten sein Wirken und dessen Erfolg. Sein Geburtsort ist unbekannt, aber gewiß ist, daß er in Northumberland gesucht werden muß; das Geburtsjahr ist 657 oder 658. Sein Vater, der heil. Wilgis (Vulgisus), ein Kriegsmann aus einer angesehenen angelsächsischen Familie, ergab sich im Alter ganz dem beschaulichen Leben, und starb als Einsiedler an der Mündung des Humberflusses, wo er zu Ehren des hl. Andreas ein Bethaus nebst Kloster gebaut hatte, welchem der gelehrte Alcuin als Oberer vorstand; seine Mutter Mena ist wahrscheinlich schon viel früher gestorben. Als sie mit ihm guter Hoffnung ging, hatte sie ein Traumgesicht, das ihr seine künftige Größe zu erkennen gab. Sie sah nämlich den Neumond klein und sichelförmig allmählich wachsen bis er den vollen Glanz erreichte, worauf er in ihren Mund einging und ihr ganzes Innere erleuchtete. Dieses Gesicht bestimmte die frommen Eltern, den Knaben sogleich nach seiner Geburt dem Herrn und seiner Kirche zu weihen. Der Grund zu seinem nachmaligen frommen und apostolischen Leben wurde nach allem diesem schon im elterlichen Hause gelegt. Der hl. Wilfrid. Abt des Klosters Rippon, wohin er (Alcuin cap. 3.) frühzeitig geschickt wurde, ließ dem unschuldigen und gottesfürchtigen Knaben den ersten Unterricht in den Wissenschaften ertheilen, und übergab ihn, nachdem er ihm zuvor das Kleid des Benedictinerordens angelegt hatte, in seinem 20. Jahre zwei berühmten Lehrern und Asceten, dem Abte Egbert, welchen man schon zu Lebzeiten »den Heiligen« nannte, und dem nicht weniger frommen Priester Wigbert (beide stammten aus Britannien) zu Rathmelsigi in Irland zur weitern Ausbildung. Um zu wissen, in welchem Geiste diese geschehen ist, verweisen wir auf das Leben des hl. Wilfridus. Alles, was er sah und hörte, erfüllte ihn mit dem Verlangen, die wahre Gottesfurcht in sich selbst und Andern zu wecken und zu nähren. Mit 30 oder 31 Jahren empfing er, wo und von wem ist unbekannt, die heil. Priesterweihe, und ging dann nach dem Wunsche seiner Obern im J. 690 mit eilf Gefährten, unter welchen wahrscheinlich der hl. Werenfridus, der hl. Adelbertus5 u. 10 und der hl. Suitbert sich befanden, über des Meer nach Friesland, um den Friesländern das Evangelium zu predigen. Dieses Volk bewohnte das ganze im Westen durch die Schelde, im Osten durch die Ems begrenzte Land, sammt der ganzen Meeresküste von Dollart bis zum heutigen Ostende, hatte aber weder Städte noch größere Ortschaften, und nährte sich lediglich von Jagd und Fischfang. Zu Katwyk bei einer der Rheinmündungen stiegen die Missionäre ans Land. Wie es scheint, hatten sie im Vertrauen auf die allmächtige Hilfe Gottes die Reise ohne alle Geldmittel, in vollkommener Armuth angetreten, so daß sie die Ueberfahrt nicht bezahlen konnten. Daraus entstand die Sage, der hl. Willibrord sei von den Schiffsleuten zurückgewiesen worden, aber dennoch wunderbar auf einem Steine über das Meer gekommen. Wie Beda in seiner Kirchengeschichte (V. 10.) berichtet, ließ er sich zuerst in Rom dem Papste Sergius I. (vom J. 688–702) vorstellen, und bat ihn um die nöthige Vollmacht. Mit derselben ausgerüstet, und mit Reliquien der Heiligen beschenkt, betrat er im Vertrauen auf Gott um das J. 692 oder 693 sein Missionsgebiet, in welchem sein hl. Lehrer, Bischof Wilfrid, ihm bereits im J. 617 unter dem Könige Algis nicht ohne Erfolg vorgearbeitet hatte. Jetzt aber war eine Neigung, das Christenthum anzunehmen, nicht mehr vorhanden; im Gegentheil fürchtete sowohl der neue König Radbodus als sein Volk, nach Annahme der Religion der Frau ken von den fränkischen Königen, welche sie mit Recht als ihre Feinde ansahen, unterjocht zu werden. Auch alle früheren und spätern Versuche, die Friesen zu bekehren, stießen aus demselben Grunde auf großen Widerstand. (Vgl. die Artikel Servatius, Amandus, Eligius, Wilfridus, Egbertus und Wigbertus.) Der heil. Willibrordus, welcher aus Britannien kam, wurde mit weniger Mißtrauen aufgenommen, und suchte zunächst den Landesfürsten für das Evangelium zu gewinnen. Er begab sich zu diesem Ende zuerst nach dem (von Dagobert I. angelegten) festen Orte Wiltaburg (Utrecht). Es war umsonst; der Heilige mußte also wohl oder übel den Schutz und die Unterstützung des fränkischen Hofes zu erlangen streben. Pipin von Heristall lag mit dem König Radbodus im Kriege, nach dessen Besiegung er einen großen Theil des Landes dem fränkischen Reiche einverleibte, und dem hl. Willibrordus und seinen Gefährten den fast zerstörten Palast der fränkischen Könige in Utrecht zur Wohnung überließ, und außerdem kräftigen Schutz versprach. Er wies den Missionären das Missionsgebiet an den Flüssen Maas und Mosel, wo um das J. 698 Echternach (Epternach) an der Sauer gegründet wurde, ihren Wirkungskreis an, und versprach Allen, welche das Christenthum annehmen würden. große Vergünstigungen. Der hl. Willibrordus hatte sich vorher (im J. 695) auf den Wunsch Pippins ein zweites Mal nach Rom begeben. um die Bischofsweihe zu erlangen (22. Nov.), wobei er vom Papste den Namen Clemens und das Pallium erhielt. Dann kehrte er nach einem Aufenthalte von nur 14 Tagen nach Friesland zurück und machte, nachdem die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, viele Bekehrungen. Das von ihm gegründete Seminar für Heidenbekehrungen erzielte die schönsten Erfolge. Er erbaute eine Kirche zu Ehren des heil. Erlösers, und bestimmte sie zur Kathedrale. Die von ihm früher errichtete Capelle des hl. Kreuzes weihte er jetzt dem heil. Martinus. Bei dieser Kirche errichtete er im Jahre 697 eine Schule für künftige Missionäre und übergab sie Kanonikern, welche er zum gemeinschaftlichen Leben verpflichtete. Bald fanden sich hier, wie der hl. Ludger erzählt, zahlreiche Schüler aus der Blüthe der umliegenden Völker ein. Die aus England mit ihm gekommenen Mithelfer wirkten sowohl hier als in den auswärtigen Missionen unter seiner Leitung. Der heilige Wernefried z. B. predigte im Betuwenland und der heil. Adalbert im Kennemerland in der Gegend von Egmond. Die Gründung der Abtei Echternach war für sein Werk von der größten Bedeutung; es wurde zugleich ein Ruheplatz, ein Zufluchtsort (die nächste Bestimmung war: ad excipiendos monachos peregrinos et pauperes alendos), und eine Pflanzschule für die Missionäre. Seelsorger und Glaubensboten, Handwerker und Künstler wurden hier unter der Leitung des Heiligen herangezogen. Die Mönche trockneten Sümpfe und Moore aus, legten Wiesen, Aecker und Weinberge an, und erhoben Echternach durch Einführung des Sebastians-Markttages zum Mittelpunkte des Verkehrs, selbst für entferntere Kreise. Besonders gesegnet war sein Wirken in den Gegenden des linken Rheinufers, hauptsächlich im Düsselgau, wo er zu Riedera (Reynaren, Rynharen) als Custos einer Peters- und Johanneskirche im Andenken geblieben ist. Ebenso wird die Marienkirche in Millingen (Niedermillingen) zu seinem Wirkungskreise gehört haben. (Rettb. K.-G. Deutschl. II. 423.) In der Nähe von Flebur wird ein an der Sauer aufsteigender Felsenriff von der Tradition als St. Willibrordpredigtstuhl bezeichnet. Zu Witwerwiltz bewahrt ein wunderbar entstandener Willibrordusbrunnen sein Andenken. Zu Cöln erhob der Heilige die Reliquien der hl. Cunera. In der ganzen Mosel- Sauer- und Alzettgegend hat er Spuren seines Apostolates hinterlassen. Dasselbe läßt sich von den deutschen Rheinlanden insbesondere von Wardt, Hassum und Kellen, wo heute noch Willibrorduskirchen sind, behaupten. Zu Trier hat er die St. Paulskirche geweiht, und vielleicht nach dem Tode des heil. Ludwin (Leotwinus) als Bisthumsverweser gearbeitet. Er ist auch Patron in Beul und Neuenahr. Ueberall wurden durch ihn die Reste des heidnischen Aberglaubens. insbesondere die Verehrung der Felsen, Quellen und Bäume, Hexen- und Zauberwesen verdrängt. Aus den Geschenken, welche er für die Verbreitung des christlichen Glaubens erhielt, errichtete und weihte er überall, wo es ihm zweckdienlich schien, Basiliken und Versammlungsorte der Gläubigen, und stellte darin die kirchliche Ordnung auf, damit das Volk allzeit wüßte. wo, wann und woher es das Geheimniß der Taufe, die Labung der evangelischen Speise, das Heilmittel der Buße empfangen und die kirchlichen Gebote erlernen könne. Alle seine Schüler starben vor ihm. Als solche werden angegeben: Marchelmus, dem er schon als Knabe Unterricht ertheilte (Sid. Brow. pag 39), ferner die beiden Ewalde, Plechelmus, Otgerus u. A. Hier müssen auch die beiden ersten Priester aus friesischem Stamme, das Brüderpaar Wullibrat und Thiatbrat, besonders aber der heil. Ludgerus genannt werden. Daß er bei Einweihung der Münsterkirche in Emmerich am 11. März d. J. 700 eine consecrirte heil. Hostie in den Reliquienschrein mit eingeschlossen habe, ist nicht zu glauben. Die betreffende Inschrift ist dunkel, und darf in keinem Falle so gedeutet werden An Kirchenbauten werden ihm zugeschrieben: die Marienkirche zu den Martyrern in Trier, oder da dieser Name erst seit dem J. 1198 vorkommt, St. Maria am Ufer (ad ripam). (Rettb. K.-G. Deutschl. I. 476). Hier im Kloster Oerren gab er den Nonnen geweihtes Wasser gegen die Pest. Ebenso baute er nach dem Plane der Marienkirche zu Aachen eine Muttergotteskirche in Nymwegen. (Rettb. K.-G. Deutschl. II. 424.) In Greveldingen, welches ursprünglich St. Willibrord hieß, wird ihm gleichfalls die Stiftung einer Kirche zugeschrieben, ebenso scheint der Ortsname von Klemskerke (Clemenskirche) auf seine Urheberschaft hinzuweisen. Ferner lesen wir, daß er zu Vlaardingen, heute Slanenburg genannt, dann zu Kerkwerve, Velzen, Petten und Hyloo, wo sich ein St. Willibrordsbrunnen befindet, Kirchen erbaut hat. Am letztern Orte litt er nämlich einmal (Alcuin, cap. 15.) Mangel an trinkbarem Wasser; da füllte sich auf sein Gebet eine Grube mit Wasser, welches seitdem nicht versiegt ist. Auch in Würzburg und Erfurt entstanden Kirchen, die seiner Missionsthätigkeit zugeschrieben wurden, und die Einweihung von ihm erhalten haben. Bei Ausübung des evangelischen Predigtamtes kannte er keine Gefahr und keine Furcht. Als er auf der seeländischen Insel Walchern (Walacria, Walachrum), dem Hauptsitze der Anbetung des Heidengottes Odin (ad quod statuto tempore omnis congregabatur populus, heißt es bei Mabillon), ein Götzenbild stürzte, verwundete ihn der Wächter; sogleich wurde derselbe vom Teufel besessen und starb am dritten Tage, während der Heilige keinen Schaden nahm. In der Folge wurde das Verhältniß zwischen Pipin und Radbod so friedlich, daß er auch in dem noch unabhängigen Friesland zu predigen unternahm, jedoch mit geringem oder wenigstens nicht dauerndem Erfolge. Demungeachtet drang er, von apostolischem Eifer getrieben, immer weiter nach Norden, bis über den Eiderfluß zu dem anderwärts unbekannten dänischen Könige Ungundus (Ongentheow), von welchem Alcuin sagt, daß er grausamer als ein wildes Thier und härter, denn jeglicher Stein war. Der Widerstand, welchen dieser der Annahme des Christenthums entgegenstellte, war für die Bekehrung des Landes ein unüberwindliches Hinderniß. Der hl. Willibrordus mußte sich deßhalb begnügen, dreißig talentirte Knaben mit sich zu nehmen, welche er im Christenthum unterrichtete und alsbald taufte, weil er besorgte, daß einer oder der andere von ihnen auf dem Wege sterben oder ums Leben gebracht werden könnte. Von da wurde er durch einen Sturm nach Fositesland (Helgoland) (Alc. cap. 10.) verschlagen. Da der Heilige hier wagte, bei einer heil. Quelle, aus der nicht anders als mit Stillschweigen zu schöpfen erlaubt war, drei Männer zu laufen, wollte ihn der König hinrichten lassen. Allein das drei Mal über ihn geworfene Loos fiel günstig. Nur einer aus seinen Begleitern mußte sterben (daß nirgends dessen Name genannt ist, macht die Erzählung zweifelhaft), die Uebrigen wurden unter hartem Tadel ihres Eingriffes in die nationalen Heiligthümer aus Rücksicht auf Pipin entlassen. Nun begann der Heilige die Städte, Flecken und Dörfer, in welchen er früher das Evangelium verkündet hatte, neuerdings zu durchreisen, um die Neubekehrten zur Standhaftigkeit im Glauben zu ermahnen, und der Kirche Gottes noch weitere Bekenner zuzuführen, erbaute Kirchen, regelte den Gottesdienst, und ordnete den Pfarrverband. Mitten in seinen apostolischen Arbeiten überraschte ihn im J. 704 der hl. Erzbischof Wilfrid mit einem Besuche, da er im Begriffe stand, nochmal zur Vertheidigung seiner Rechte nach Rom zu reisen. Unermüdlich setzte der Heilige seine Bekehrungsreisen fort. Sicher ist, daß er im ganzen ehemaligen Toxandrien, ferner in Herzogenbusch und im Kempenland das Evangelium verkündet hat. Die vielen Orte in Nordbrabant, in welchen er als Schutzheiliger verehrt wird, und die Schenkungen, welche ihm dort gemacht wurden, beweisen, daß der Heilige auch dort seine Hirtensorge an den Tag legte. Namentlich wird Antwerpen als eine seiner Missionsstationen bezeichnet. Er stand hiebei mit dem heil. Lambertus von Lüttich in beständigem Verkehre, und empfand es schmerzlich, als derselbe im J. 708 als Opfer seines Berufseifers starb. Im J. 711 hatte er durch die Königin Plectrudis das Kloster Süstern (Suestura) gestiftet; es erhielt von Vipin im J. 714 freie Abtwahl, unter der Oberhoheit unsers Heiligen. Das Vogteirecht über dasselbe sollte seinem Sohne Grimoald und den Nachkommen seines im J. 708 gestorbenen Sohnes Drogo für immer verbleiben. Seit dem J. 714, als in Folge der Ermordung Grimoalds ein neuer Krieg zwischen den Franken und Friesen ausbrach, scheint der Heilige von Echternach aus seine apostolischen Wanderungen überallhin gemacht zu haben, wo Zeit und Umstände einigen Erfolg verhießen. In diese Zeit, den Anfang des 8. Jahrh., fällt seine Missionsreife nach Thüringen. Dort schenkte im J. 716 der Herzog Hedan (Hethan) II. dem Heiligen sein Schloß zu Hammelburg unter der Bedingung, daß er dasselbe in ein Kloster umwandle, nachdem er ihm früher schon bedeutende Schenkungen zugewendet hatte. Kurz vor Pipins Tode war seinem Sohne Carl ein Kind geboren worden. Der Heilige taufte es und prophezeite seine zukünftige Größe: »Wisset«, sprach er zu seinen Gefährten, »daß dieses Kind dereinst ein großer und berühmter Mann, größer als alle vorhergegangenen Frankenherzoge sein wird.« In der That wurde dieses Kind, Pipin der Kleine, der Stammvater eines neuen Königsgeschlechtes. In den J. 715 und 716 zerstörten die Friesen, die sich neuerdings gegen die Franken erhoben hatten, viele christliche Kirchen, verjagten die Priester und stellten die alte Götzenanbetung wieder her. Mitten in diesen Unruhen und Blutvergießungen, im J. 716, kam der hl. Bonifacius, damals noch Winfried genannt, zum ersten Male nach Friesland, hielt sich den Sommer und einen Theil des Herbstes hindurch daselbst auf, und wagte es sogar, sich dem Könige Radbod vorzustellen, und ihn um Frieden für die Kirche zu bitten. Da er nichts ausrichtete, kehrte er mit seinen zwei Gefährten wieder nach England zurück, und die Christenverfolgung dauerte fort. Aber im J. 717 sah sich Radbod genöthigt, um Frieden zu bitten, und versprach, den Missionären Schutz zu gewähren, und sich taufen zu lassen, starb aber noch in demselben Jahre, bevor er diese Gnade erlangen konnte. Auch Carl Martell, welcher im übrigen die Kirche und ihre Güter nicht schonte, ehrte den heil. Willibrordus und wendete ihm vielfache Geschenke zu. Er entfaltete also in Friesland seine Thätigkeit aufs neue, um die durch den Krieg angerichteten Schäden wieder zu verbessern. Jetzt trat der heil. Bonifacius als Hilfsarbeiter an seine Seite. Letzterer war nämlich wegen der kriegerischen Unruhen und der mit denselben verbundenen Verwüstung von Kirchen und Klöstern in Sachsen und Thüringen hieher gedrängt worden. An einen Zwiespalk zwischen diesen beiden Glaubenspredigern, von welchem protestantische Schriftsteller aus dieser Ursache fabeln, kann schon aus dem Grunde nicht gedacht werden, weil der heil. Bonifacius in einem Briefe an Papst Stephan I. »die ausgezeichnete Reinheit und Heiligkeit« des heil. Willibrordus rühmt (ep. S. Bonif. 105.). Das zeitweise eingegangene Bisthum Utrecht wurde wieder hergestellt und der hl. Willibrordus von Carl Martell in dasselbe eingeführt. Hier hielten beide Glaubensboten im J. 721 mit andern Priestern und Bischöfen eine Synode zum Zwecke der Aussendung von Missionären durch ganz Friesland. Die heidnischen Tempel sanken unter der 3jährigen Beihilfe des hl. Bonifacius darnieder und es erhoben sich wieder christliche Kirchen und Kloster schulen. Es wünschte deßhalb der heil. Willibrordus, daß der hl. Bonifacius sein Coadjutor und Nachfolger werde. Dieser wies aber dieses Anerbieten demüthig zurück, und begab sich, sobald er konnte, getreu seinem dem Papste gegebenen Versprechen34, wieder in das westliche Germanien. Der hl. Gottesmann entließ ihn mit Widerstreben35, nachdem er ihm vorher seinen Segen ertheilt hatte, und stand seinem Bisthume noch 15 Jahre vor. Im Jahre 726, als er eben die letzte Schenkung von Carl Martell empfangen hatte, schrieb er, damit er nicht etwa unvorbereitet vom Tode überrascht würde, sein Testament, in welchem er alle seine Güter, auch die in Thüringen gelegenen, dem Kloster Echternach vermachte, wo er auch begraben zu werden verlangte. Dasselbe beginnt: »Im Namen Christi. Es ist nothwendig, daß die Christen stets den Weg der Wahrheit kennen, auf welchem sie ihrem Schöpfer auf würdige Weise durch ihre Verdienste zu gefallen vermögen, damit das Werk ihrer Almosen und ihre Frömmigkeit ihnen zur Seligkeit gereiche.« (Diese dem katholischen Glauben durchaus entsprechenden Eingangsworte wagt der in protestantische Vorurtheile gänzlich verrannte Heber (S. 211) als demselben entgegengesetzt zu bezeichnen, um unsern Heiligen zu einem »Andersgläubigen« zu stempeln und zeigt dadurch neuerdings, daß er die katholische Kirche und ihre Lehre zwar gründlich haßt, aber nicht im mindesten kennt.) Im J. 727 unterzeichnete er noch die Stiftung von Murbach, es ist das letzte von ihm vorhandene Schriftstück. Der hl. Willibrordus nützte auch die nachfolgende Zeit aus so gut er konnte; er predigte, taufte und firmte und kam dann wieder nach Echternach zurück, um sein eigenes Seelenheil in Sicherheit zu stellen. Als er starb, war er 82 Jahre alt. Seine letzten Worte waren: »Nun entlassest du, o Herr, deinen Diener im Frieden!« Zu Echternach in der Nacht vom 6. auf den 7. Nov. d. J. 739, wie nunmehr allgemein angenommen wird, schied er aus diesem zeitlichen Leben. Kurz zusammengefaßt lautet seine Charakteristik (bei Alcuin) also: »Sein Aeußeres war angenehm und würdevoll; er war mild und allzeit heiter im Umgange, weise im Rathe, unermüdlich in apostolischen Arbeiten, und zugleich besorgt, die eigene Seele zu nähren und zu stärken durch Beten, Psalmensingen, Wachen und Fasten.« Er wurde zu Echternach in seinem Oratorium bestattet. Von den Wundern, mit welchen der Allmächtige die Heiligkeit seines Dieners bekräftigte, schreibt Alcuin: »Bis auf den heutigen Tag dauern die Zeichen und Heilungen fort, welche durch Gottes barmherzige Einwirkung bei den Reliquien des hl. Bischofes geschehen.« Daß aber die besondere Art, den Heiligen zu ehren und seine Fürbitte anzurufen, von welcher unten die Rede sein wird, schon um diese Zeit stattgefunden habe, oder bald hernach eingeführt worden sei, läßt sich unserer Meinung nach nicht beweisen. Die Gebeine des hl. Willibrordus wurden zwar an verschiedene Kirchen vertheilt, die meisten und größten Reliquien besitzt aber immerhin noch Echternach. Bei der Erhebung am 19. Oct. des J. 1031 durch den Abt Humbert sah man den heil. Leib noch beinahe vollständig mit unverletzter Kutte und Umgürtung (Cilicium); er war mit einem seidenen Mantel bedeckt, der nach 300 Jahren noch gut erhalten war. Der hl. Leib wurde unter den Hauptaltar der neu erbauten Basilica versetzt. Eine neue Besichtigung der Reliquien wurde im J. 1498 durch den Abt Poßwin vorgenommen, um das Vorgeben, dieselben seien in Utrecht, zum Schweigen zu bringen. Der Sarkophag wurde bei dieser Gelegenheit auf eine erhöhte Stelle im Chore gesetzt, aber im J. 1624 durch den Abt Richardus wieder unter den Altar gebracht, um den Blick auf den Hochaltar dem Volke frei zu machen. In der Nacht vom 6. bis 7. Nov. des J. 1794 wurde die herrliche Kirche sammt dem Grabe des Heiligen durch die Sansculotten entweiht. Zwischen Glasscherben und Holzsplittern von den zerschlagenen Thüren und Fenstern lagen die Gebeine des Apostels in der Kirche zerstreut. Was noch gefunden wurde (Willibrord Meyer, ein frommer Priester aus Bendorf, war der Muthige, der zu dieser Zeit die Kirche zu besuchen wagte), wurde im J. 1826 dem damaligen Dechanten von Echternach, Mathias Croner, übergeben. Auch der marmorne Sarg, worin die Reliquien geruht hatten, welcher in Privathände gekommen war, und längere Zeit als Blumenkorb gedient hatte, wurde von diesem wieder erworben. Er schloß die Reliquien mit den gehörigen Zeugnissen ihrer Autenticität in den Sarg ein und stellte sie im J. 1828 unter den Hochaltar der Pfarrkirche zu Echternach, wo sie sich jetzt noch befinden. Der Sarg ist wahrscheinlich derselbe, in welchen der Leichnam zuerst war gelegt worden. Natürlich wurden bei weitem nicht alle Reliquien wieder gefunden. Im J. 1862 wurden dieselben vom apostolischen Vicariate von Luxemburg untersucht, für autentisch erklärt und neuerdings in den Marmorsarg eingelegt und versiegelt. Von andern Reliquien besaß Echternach einen Kelch, den er bei Verrichtung des heil. Meßopfers gebrauchte, ferner das goldene Krenz und den Hirtenstab des Heiligen. Zu Trier wird sein Tragaltar (jetzt im Pfarrhause zu Unserer Lieben Frau) aufbewahrt. In der Münsterkirche zu Emmerich befanden sich ehemals ein Stück von seinem Pallium, ein Theil des Kleides, worin er 400 Jahre lang im Grabe gelegen, ferner die Sandalen und ein Arm des Heiligen. In der Pfarrkirche zu Echternach befindet sich auch das härene Bußkleid des Heiligen, welches früher Eigenthum der St. Irminakirche zu Trier gewesen war. Paris besitzt ein von dem hl. Bischofe gebrauchtes Evangelienbuch. Andere Orte, wohin Reliquien des Heiligen gebracht wurden, sind: Westkapelle auf der Insel Walchern, wo die Einwohner dieselben in den Krieg mitzunehmen pflegten; Aachen verehrt in der St. Paulspfarrkirche eine Schädelreliquie des hl. Bischofes; desgleichen befindet sich seit dem J. 1839 eine solche in der Kirche seines Namens in Haag; ebenso befindet oder befand sich eine Partikel von seinen Gebeinen in der St. Patrocluskirche zu Soest; eben daselbst befindet sich der goldene Reliquienschrein des Heiligen (dermalen als Monstranz benutzt) und nach seiner Inschrift zu schließen, vielleicht das älteste Denkmal der Aufbewahrung des Allerheiligsten in einem Sacramentshäuschen (Tabernakel). Die Verehrung des hl. Willibrordus von Seite des Volkes begann sogleich nach seinem Hinscheiden. In Holland und Belgien, am Rheine und an der Mosel erhoben sich ihm zu Ehren Kirchen und Kapellen, Altäre und Kreuze. Noch ehe das Jahrhundert zu Ende war, war »das St. Willibrordusgotteshaus« das Ziel einer großen Wallfahrt. Bald fanden sich im Vorhofe des Klosters und der Kirche als Zeichen geschehener Bitterhörung aufgehängt: eiserne Kelten, Hand- und Fußschellen, Krücken, allerlei in Wachs geformte Glieder etc. Besonders wurde seine Fürbitte gegen den »schwarzen Tod« und den »Veitstanz« angerufen. Im Stifte zu Echternach wurden zu seiner Ehre folgende Tage festlich begangen: der 7. Nov., sein Sterbetag, wurde mit Octave begangen; 7. Aug. festivitas S. Willibrordi, ein besonderes Dankfest zu Ehren des Heiligen, gleichfalls mit Octave; 22. Nov. als Ordinationstag des Heiligen; 19. Oct. Uebertragungsfeier. In einer Recension des Grevenus und Usuard von Cöln und Lübeck und bei Canisius fanden ihn die Boll. auch zum 3. Oct. verzeichnet. Seit undenklichen Zeiten wird am Pfingstdienstage zu seiner Ehre die sog. Springprozession gehalten, eine höchst merkwürdige, in ihrer Art einzige, dem Heiligen behufs Erlangung seiner Fürbitte um Befreiung von Nöthen und Bedrängnissen des Leibes oder der Seele dargebrachte Huldigung. Die Bittfahrtgänger versammeln sich auf der andern Seite der Sauer, die an Echternach vorbeifließt, auf preußischem Boden. Nachdem der Priester auf einer im Freien improvisirten Kanzel über Absicht und Zweck der Prozession eine kurze Ansprache gehalten hat, nimmt dieselbe ihren Anfang. Der Klerus mit Kreuz und Fahne schreitet voran, dann singt der Chor: »Bitt für uns heil. Willibrord« und gibt damit das Zeichen zum Aufbruche36: »Die Musik fällt mit ihren rauschenden Tönen ein und spielt die herkömmliche Weise des Willibrordustanzes, und siehe da: Alles regt sich und bewegt sich, Alles wogt und wallt, Alles springt und hüpft und tanzt. Der Tanz ist ein cadenzirter rythmischer Sprung nach den Klängen der Musik geordnet, fünf Schritte vorwärts und wieder zwei zurück, oder drei vorwärts und einen rückwärts. Von weitem erscheint dieses Aufhüpfen und Wimmeln der Mitspringer wie die Wellen und Wogen eines lebendigen Meeres, oder wie das Aufwallen von siedendem Wasser in einem großen Kessel. Tausenderlei Gefühle, die man nicht auszudrücken vermag, durchkreuzen die Brust. Die Springer sind alle so ernst und so gesammelt, so einfach und so züchtig. Man preist in seinem Innern Gott, der in unsern so herzlosen und kaltsinnigen Zeiten noch solches Feuer in den Herzen unserer Mitmenschen aufbewahrt hat. Die Thränen, die einem unwillkürlich über die Wangen fließen, sind Thränen des Mitleides und der Begeisterung zugleich, und nicht selten wird man wie vom nämlichen Feuereifer ergriffen und man schließt sich springend und tanzend dem frommen Zuge an. Selbst die Gleichgiltigsten und die Ungläubigen, die nur gekommen sind, sich an diesem veralteten, unzeitgemäßen Schauspiele, wie sie sagen, zu weiden und darüber zu spotten, werden derart ergriffen, daß ihnen Spott und Hohn auf den Lippen erstirbt. Nicht selten sieht man sie verstohlen die Thränen abtrocknen, die das wieder erwachte bessere Gefühl ihnen abgelockt hat. Schaaren von Jünglingen und Männern wechseln ab mit Schaaren von Frauen und Jungfrauen, die in ihrer Familie einen Kranken haben, und aus Mitleid für diesen Kranken Buße thun. Kein Leichtsinn, kein Mißton stört die Ordnung. Nichts Unziemliches, nichts Anstössiges verletzt das keusche Auge. Ueberall der größte Ernst, das tiefste Schweigen. Der Weg führt von der Brücke die Sauergasse hindurch, die Bergstraße hinab über den Markt durch die Krämergasse dem St. Willibrordsplatze zu, von wo sie wieder zum Markte einbiegt, durch die Schulgasse nach der Pfarrkirche. An den Thüren der Häuser und an den Ecken der Straße stehen Leute mit Wasser und Wein, um den müden Springern einen kühlen Labetrunk zu reichen.« Bis in die Kirche hinein, und um den Hochaltar dauert der Tanz, bis er auf dem Kirchhofe, wo das große hölzerne Kreuz noch dreimal im Kreise umsprungen wird, nach mehr als zwei Stunden seinen Abschluß findet. Es ist sehr zu bedauern, daß es unmöglich ist, die Zeit, wann diese eigenthümliche Art der Wallfahrt aufgekommen ist, mit Sicherheit zu bestimmen, weil die ältern Geschichtschreiber und Chronisten der Abtei darüber gänzlich schweigen. Nur daß dieselbe um das J. 1450 bereits bestand, glaubt Krier mit Sicherheit annehmen zu dürfen. Um diese Zeit wird das Gelöbniß zu dieser Prozession gemacht worden sein. Wer Näheres erfahren will, den verweisen wir auf die citirte gründliche Abhandlung von Krier, welcher schließlich zu dem Ergebnisse kommt, daß die Springprozession ursprünglich eine Dank- und Freudenäußerung gewesen ist. Auf Bildnissen findet sich der hl. Willibrord als Bischof dargestellt, wie er ein Götzenbild zerschlägt, eln Weinfäßchen segnet, mit dem Stabe eine Quelle hervorbringt, Wasser in Wein verwandelt, Trinkbecher zu seinen Füßen; im Hintergrunde oder neben ihm ist die Abteikirche von Echternach zu sehen, manchmal trägt er ein Kirchenmodell. Bei Alcuin (cap. 16–19) werden zuletzt mehrere von ihm gewirkte Weinwunder erzählt. Einst begegneten ihm zwölf Arme, welche großen Durst litten; er ließ Alle trinken, und nachdem sie satt waren, war die Flasche noch voll des köstlichsten Weines. Auch in der Gegend, wo jetzt Vlissingen liegt, hat er mit dem Weine in seiner Wanderflasche Viele getränkt, und die Flasche dort hinterlassen. Es soll dieß der Grund sein, weßhalb dieser Ort eine Flasche im Wappen trägt. Zum Schlusse sei noch die neuere Literatur über den hl. Willibrordus kurz angegeben: Alberdingk-Thizin der hl. Willibrord, Apostel der Niederlande (deutsch mit Zusätzen von L. Trost in zwei Bänden Münster, 1863, vgl. historisch-polit. Bll., Jahrg. 1864. III. 613 ff.; Engling, Apostolat des hl. W. im Lande der Luxemburger, Luxemburg, 1863; Müllendorf, Leben des hl. Clemens W. mit Abbildungen, unter welchen das im J. 1003 gefertigte Altarbild, den hl. Bischof, die Springprozession und die vierthürmige schöne Willibrordbasilika darstellend, besonders anzieht, Regensburg, 1860, hier vielfach benützt; endlich die treffliche, bereits angezogene historische Beschreibung der Springprozession von Krier.



http://www.zeno.org/Heiligenlexikon-1858. 1858.

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